Ein kurioser Vorfall auf dem Nittenauer Volksfest

Am 18. Mai 1954 erschien in der Mittelbayerischen Zeitung ein humorvoller Artikel mit der auffälligen Überschrift: "Nachtwächter Albert erlag dem „Geist“, den er bewachen sollte". Die Redakteure nahmen den Vorfall, der sich auf dem Volksfest in Nittenau ereignet hatte, nicht allzu ernst, fanden ihn aber so unterhaltsam, dass er in der Gesamtausgabe der Zeitung veröffentlicht wurde. Auch Leserinnen und Leser im Städtedreieck konnten darüber schmunzeln, denn: Zwei der Tatverdächtigen stammten aus dem heutigen Stadtgebiet von Teublitz.
Der Nachtwächter und der Schnaps
Um seine wertvollen Schnapsvorräte vor Diebstahl zu schützen, engagierte der Veranstalter des Volksfestes in Nittenau einen Nachtwächter. Doch dieser war selbst dem Alkohol nicht abgeneigt. Damit er während seiner Schicht Gesellschaft hatte, lud er zwei ältere Trinkkumpanen aus Teublitz und dem heutigen Stadtteil Münchshofen ein. Gemeinsam leerten sie bereits in der ersten Nacht fünf Flaschen Schnaps. Auf dem Heimweg zerbrach ihnen eine Flasche, und der beißende Alkoholgeruch führte die Ermittler direkt zur Wohnung des Nachtwächters. Ein Leugnen war zwecklos: Der Nachtwächter wurde zu vier Monaten Haft verurteilt, seine beiden Begleiter erhielten jeweils drei Monate Gefängnis.
Ein ernster Hintergrund
Trotz der humorvollen Darstellung hatte die Geschichte auch eine tragische Seite. Einer der Beteiligten aus Teublitz war ein Heimatvertriebener aus Schlesien, dessen Leben durch den Zweiten Weltkrieg aus den Fugen geraten war. Während des Russlandfeldzugs war er verschüttet worden. Seit 1950 litt er nach eigenen Angaben unter gesundheitlichen Problemen wie plötzlichen Schweißausbrüchen, Krampfanfällen, Kopfschmerzen und Benommenheit.
Vor dem Krieg hatte er als Landwirt gearbeitet, doch in einem Formular aus dem Jahr 1954 wurde er als "Hilfsarbeiter, derzeit arbeitslos" geführt. Er hielt sich für herzkrank und stellte 1960, mit Anfang 50, einen Antrag auf Frührente.
Das Tabu der psychischen Kriegsfolgen
Wie viele andere Kriegsteilnehmer litt er vermutlich an posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) oder anderen seelischen Kriegsfolgen. Solche psychischen Leiden waren in den 1950er- und 1960er-Jahren jedoch ein Tabuthema. Öffentlich wurde nur über gesundheitliche Probleme gesprochen, die auf körperliche Ursachen zurückzuführen waren. Die psychischen Folgen von Krieg, Flucht und Gefangenschaft hingegen wurden totgeschwiegen. Das erschwerte vielen Betroffenen den Umgang mit ihren Leiden.
Heute wird die psychische Belastung von Kriegsveteranen und Vertriebenen deutlich ernster genommen und als Teil der Nachkriegsfolgen anerkannt.
Quelle: Dr. Thomas Barth, Stadtarchiv Teublitz